Archiv für März 2008

29.03.2008

März 29, 2008

Am glücklichsten scheine ich zu sein, wenn ich mir gerade über meine Erkrankung keinerlei Gedanken mache. Wenn ich einfach “bin“ wie ich bin.

Aber wie “ist“ man einfach? Gedankenlos?

Natürlich gibt es Gedanken, die einfach “stören“.

Etwa wenn man sich selber sagt, daß man doch krank ist und  eben dies und das „nicht“ oder eben „nicht so optimal“ leissten kann.

Der Unterschied ist also das DENKEN an sich, es ist gut zu Denken denn das Denken, die Ratio ist dem Menschen naturgemäß eigen.

Der Unterschied liegt also im “Gedankenkreisen“, auch “grübeln“ genannt.

Das nämlich passiert, wenn in die Gedankengegenstände routieren und sich gegenseitig negativ beeinflussen, ohne das es zu einem“Denkergebnis“ käme.

Hierbei ist es völlig unerheblich, ob diese Gedanken sich um Vergangenes, Gegenwärtiges oder Zukünftiges handeln.

In der Praxis sieht das nun bei mir beisbielsweise so aus, daß ich einen Plan, eine Konzeption meines nächsten Konzertes immer wieder verwerfe. Doch die Zeit drängt, ch muss ja schliesslich wissen, welche Stücke ich konkret und praktisch zu üben habe nd so lange ich das noch nicht festgelegt habe, kann der wirkliche Übeprozess nicht wirklich starten. Damit komme ich nach und nach immer wieder in eine wirklich gefährliche Situation, denn selbstverständlich braucht ein Soloprogram einfach eine intensive Zeit der konkreten Vorbereitung am Instrument.

Gestern habe ich an meinem nächsten Konzert konzentriert 4 Std. lang gearbeitet, überwiegend konzentriert geübt. Hernach bin ich einerseits erschöpft, andererseits aber auch sehr erfüllt. D.h. die Erschöpfung ist durchaus eine „positive“ Erschöpfung.

Obwohl ich nicht “Psycho-loge“ bin, bin ich fasziniert von der Arbeit und der „funktionsweise“ der menschlichen Psyche.

Sie funkioniert zwar in irgendeiner Weise nach logischen Mustern, ist in sich aber alles andere als logisch.

Immer wieder habe ich mich gefragt, was die Seele oder die Psyche denn eigentlich für eine Instanz des Menschen ist?

Warum ist man glücklich, warum unglücklich, warum gelingen einem manchmal die Dinge die einem wichtig sind und manchmal nicht?

Und wie “funktioniert“ ANGST? Wie kommt es daß  wirkliche Ängste sich nicht einfach durch die Ratio und die Logik ausschliessen lassen?

Ich bin fest davon überzeugt, daß vieles damit zu tun hat welche psychogene Kraft einem gerade innewohnt. “

Gesunde“ Menschen scheinen demnach bei allen natürlichen Schwankungen eine psychische Basis zu haben, einen Grundzustand der Seele, der es ihnen ermöglicht  ein „normal“ genanntes Leben zu führen. Beziehungen verlässlich zu führen, zu arbeiten.

Wir erleben solche Menschen als “stabil“ und durchaus angenehm,  weil sie in einer gewissen Kontinuität  fast immer „gleich“ erscheinen. Wir identifizieren sie dann schnell als eine „ganz bestimmte Person“ und „Persönlichkeit“ mit für uns gewohnte Stärken und Schwächen auf die wir uns verlassen können. Wir können eine solche Persönlichkeit einschätzen und in gewisser Weise sogar „berechnen“. Das macht uns den Umgang mit ihnen einfach, ja sogar „bequem“.

Doch wie wir alle wissen und immer wieder erfahren müssen,ist doch das so wichtige Element der Zuverlässigkeit, der Bindungsfähigkeit und auch die Parameter einer Arbeitsfähigkeit auch bei so genannten“gesunden“ Menschen mehr und mehr Schwankungen unterworfen.

Das bringt mich einerseits zu dem heutigen Gedankenschluss, daß diese Gesellschaft in der wir leben irgendwie doch sehr “krank“ sein muss.

Der Umkehrschluss liegt auch Nahe, denn andererseits komme ich zu dem Schluß, daß das “Kranke“ im Grunde das Normale zu sein scheint.

Wie auch immer, die Kraft der Psyche wird in unserer Gesellschaft bei Weitem notorisch unterschätzt.

Bipolarität

März 20, 2008

Lieber Leser, herzlich willkommen!

Ich versuche hier ein paar Gedanken über meine Erkrankung zu formulieren.

Da ich Musiker bin, nenne ich diesen Blog „bipolmusic“.

Ich weiß noch nicht, wie weit ich hier gehen will. Vermutlich wird dies eine Art öffentliches Tagebuch. Manchmal hilft es, Gedanken einfach zu formulieren. Manchmal tut es gut, Gedanken mit anderen zu teilen.

Die bipolare affektive Störung (besser bekannt als „Manisch-Depressiv“) ist eine grausame Erkrankung. Vieles ist daran Menschlich, Allzumenschlich. Denn jeder Mensch hat seine Stimmungen, seine Stimmungsschwankungen. Mit diesen kann und muss er leben und er lernt, etwa in Beziehungen oder für seine Arbeit damit umzugehen.

Diesen Prozess nennt man auch „Erwachsen-Werden“.

Ich habe mich manches mal in meinem bisher 46 Jahre andauernden Leben gefragt, ob ich etwa nicht schnell genug „erwachsen“ geworden sei. Denn vieles was mir im Leben passierte führten andere und auch ich selbst auf eine gewisse „Unreife“ zurück. Auf schlichte Haltlosigkeit oder Sucht.

Erst im Jahre 2001, also in meinem 40sten Lebensjahr, diagostizierte man mir sehr eindeutig diese Krankheitsform und ich habe hernach sehr viel darüber gelesen und studiert, da es von da an galt in dem Bewusstsein zu leben chronisch krank zu sein.

Für die nichtinformierten Leser und Leserinnen: Das normale Pendel der Stimmungsschwankungen, wie sie bei jedem Menschen vorhanden ist, schlägt bei Menschen mit bipolarer Erkrankung um ein vielfaches Höher aus. Auch ohne äusseren Anlass und oft in rascher, unvorhersehbarer Abfolge steigern sich Antrieb, Lust und Freude – oder sie verblassen ebenso schnell.

Der Erkrankte, also ich selbst, kann nie vorher bestimmen was er am nächsten Tag zu leissten im Stande ist.

Beziehungen scheitern, man ist wenig verlässlich. Arbeit wird immer mit Konflikten gesegnet sein, oft bishin zu Abbrüchen oder Rauswürfen.

Für andere Menschen, Partner oder Vorgesetzte, ist der Umgang immer „schwierig“.

Man wird also als „schwierige Person“ in eine Schublade gesteckt und, wer es gerne bequem hat, meidet mich lieber.

Schliesslich kennt man den allgemeinen Umgang mit psychischen Erkrankungen. Wenig informiert über die Bedingungen des Seelischen, neigt der Mensch im Allgemeinen schnell dazu die psychisch Erkrankten zu richten. Und so bindet sich kein Betroffener gerne ein Schild um den Hals auf dem geschrieben steht „Ich bin krank“.

Im Gegenteil. Umgeben von einer durchaus kranken Gesellschaft, versuche ich mich mit meinen „Verhaltensfehlern“ gar nicht herauszureden, etwa mit Verweis auf meine Gemütserkrankung. Ich habe in der Psychotherapie gerlernt, vorsichtiger als zuvor Verantwortung zu übernehmen und zu meiner Erkrankung zu stehen.

Aber das bedeutet nicht, mich bei jeder Gelegenheit als psychisch Kranker zu outen.Als Kranker unter Kranken darf man nicht erwarten, daß einem Verständnis entgegengebracht wird und mit der Zeit wird man auch Müde sich und seine individuelle Lebensbedingung zu erklären oder gar, sich für irgendetwas zu entschuldigen.

Ich habe das Glück, als Musiker freiberuflich arbeiten zu können. Ich bin nur der Musik gegenüber verantwortlich und den Menschen die mich beauftragen. Und meinen Schülern gegenüber bin ich verantwortlich. In relativ freier Zeiteinteilung nehme ich meine Termine wahr, und da es wenige sind kann ich dort Regelmässigkeit und Zuverlässigkeit gewährleisten.

So entspricht meine Arbeitstätigkeit absolut meiner Erkrankung, denn auf eine feste Arbeitsstelle (die es in meinem Bereich ohnehin kaum noch gibt) könnte ich mich auf Grund meiner Erkrankung gar nicht mehr einlassen.

Umgekehrt glaube ich, daß auch auf Grund der unsicheren Arbeitsverhältnisse denen ich  begegnete nach und nach erkrankt bin. Dieses Schicksal teile ich mit vielen Künstlern in verschiedensten Gebieten, so einige Schauspieler die ich kenne, aber auch andere Musikerkollegen. Nur wenige vermögen es, auf Dauer unter instabilen Arbeitsverhältnissen seelisch gesund zu bleiben. Und diejenigen, die es schaffen bewundere ich aufrichtig.

Die psychiatrische Diagnostik sagt, daß äussere Instabilitäten die inneren bedingen – und umgekehrt. Man weiß also offenbar nicht, ob das Ei oder die Henne zuerst da war.

Bipolar – Sein bedeutet also, ein Leben auf der Achterbahn zu führen. Lebenskunst bedeutet für mich, immer wieder neu diesen Teufelskreis zu analysieren und mich darin halbwegs verantwortlich zu bewegen und zu arbeiten.

Studiere ich neue musikalische Werke ein, so begegne ich meinem innersten Zustand; denn die Musik selbst ist auch immer „bi“: Spannung und Entspannung, Harmonie und Disharmonie, daß Vitale und das Träge machen Musik zur Kunst, machen Musik erst zu dem was sie ist: Ein Spiegel des Lebens…

Wer nun mehr über das Leben mit einer solchen Erkrankung erfahren möchte, kann gerne mal wieder vorbeischauen. Sachliche Komentare sind auch gerne gesehen. Ich nehme mir vor, ein wenig tagebuchartig hier zu berichten.

20.03.2008